Emil Bodmer nachts auf einer Parkbank

bodmer

Schriftsteller
Leseprobe

ein zimmer
im wedding

89 Tage vorher

Kapitel 1

Als ich in Berlin ankomme, ist es kalt. Scheiße nochmal kalt. Scheiße nochmal viel kälter als in Paris. Meine Finger sind rot und mit weißen Flecken, ihr Griff fest um die Träger meiner schwarzen Puma Sporttasche geschlossen. Ich habe mir geschworen, Paris hinter mir zu lassen. Auch wenns mir schwerfällt. Verdammt schwerfällt. Ich will Paris nicht vergessen. Ich will das letzte Jahr nicht vergessen. Aber ich muss weiterziehen. Ich muss aus meinem Loch raus. Irgendwie. Veränderung. Neustart. Irgendwie.

Seitdem das alles passiert ist, hab ich mich ziemlich isoliert. Niemand weiß so ganz, was abging. Auch Ben nicht. Den hab ich nur angerufen und gesagt: „Ich muss weiterziehen. Ich muss aus meinem Loch raus. Irgendwie.“

Er hat nicht viel gefragt, er hat schon verstanden. Es gibt genug Gründe auf dieser Welt sich einzubuddeln. Er hat mich zu sich nach Berlin eingeladen. Will mir helfen, mich auszubuddeln.

„Da kannste erstmal aufm Sofa im Wohnzimmer pennen, wenn du magst suchen wir dir nen Job, schön schwarz, da haste mehr von und irgendwann suchen wir dir ne Bude. Du kommst schon wieder auf die Beine, Mann.“

Ich weiss gar nicht, ob ich so lang in Berlin bleiben werd. Aber ja, ich muss auf die Beine kommen. Neustart. Irgendwie. Ich seh meine Reflektion in der Fensterscheibe des Aufzuges und so gut wie ich das eben sehen kann, seh ich müde aus. Augenringe. Die braunen Haare hängen in Strähnen auf meiner Stirn, die Seiten sind nicht so frisch rasiert, wie sie es mal waren. Ich seh nicht aus wie 28. Aber wie auch.

Darf man an den Bahnsteigen in Berlin rauchen? Bestimmt. Ist ja Berlin. Ich finger mir ne Zigarette aus der Packung und steck sie mir an. Zu Ben aufs Sofa.

Benedikt „Ben“ König ist einer meiner ältesten Freunde. Wir haben uns kennengelernt als 15 jährige Rabauken, auf der Jagd nach Rausch und dem nächsten Sommer. Später, nach der Schule, sind wir dann gemeinsam nach Leipzig gezogen. Unsere erste gemeinsame Wohnung war „Die Schanze“, ein absolutes Drecksloch mit Schaben im Vorratsraum und Schimmel im Wohnzimmer. Aber wir haben es uns schon gut gemacht, mit Partys und Liebeleien und Abenden, die nie geendet sind. Leipzig hing mir irgendwann zum Hals raus und als dann das Angebot von der Zeitung kam, ich könne als Mitarbeiter der Redaktion in Paris leben und arbeiten, fiel mir die Entscheidung nicht besonders schwer. Aber jetzt, so im Nachhinein denke ich schon oft an unsere Zeit dort zurück. Irgendwie war immer Sommer, ich hatte immer Lederlatschen und abgeschnittene Jeans an, wir saßen immer auf alten ausrangierten Sofas auf brachliegenden Flächen und haben Sekt getrunken. Verdammt goldene Zeit irgendwo zwischen jugendlich sein und erwachsen werden. Kein werden damals, irgendwie einfach nur sein. Im Nachhinein ist alles ein goldener Sommer. In der Gegenwart waren die kalten Regentage mindestens genauso präsent. Wenn nicht sogar präsenter. Auch Ben hat Leipzig dann irgendwann verlassen, hat eine Ausbildung zum Koch gemacht und ist nach Berlin. Unser Kontakt ist trotz der Entfernung nie ganz abgeflaut. Naja, bis auf im letzten Jahr. Aber das lag an mir, da hab ich mich bei so gut wie niemanden gemeldet. Wie soll man denn erzählen, was man nicht erzählen kann?

Letzter Zug an der Kippe. Einatmen. Ausatmen.

Es riecht nach altem Bier, Großstadt, Verderben, Hoffnung, Tod, Scheiße, Schweiss, Gras, Abgas und Parfum. Ich verlasse den Bahnhof und das Rauschen des Berliner Gesundbrunnens ist Balsam für meine Ohren. 7 Stunden lang hat meine Sitznachbarin Filme auf ihrem Handy geschaut. Laut und auf französisch. Der Zug war zu voll, um mich umzusetzen. Ein Auto fährt durch eine Pfütze und ein paar Tropfen landen auf meiner braunen Wildleder Jacke. Neustart.

„Lusso, oide Wurschhaut!“

Ben läuft um die ecke, auf mich zu, zwei Bier in den Händen. Vielleicht ist eins für mich. Er drückt mir eins in die Hand, „Das ist für dich!“ und umarmt mich.

„Schön dich zu sehen Mann, gehts dir gut?“

„Klar gehts mir gut, Alter! Schön, dass du da bist! Wie war die Fahrt?“

„Gut, aber neben…“

„Magst ne Currywurst alter, ich lad dich ein!“

„Ja, warum nicht. Also neben mir…“

„Und danach müssen wir ins Eck Mann, echt schön, dass du da bist! Prost!“

Egal. So wichtig ist die Geschichte mit den Filmen auch nicht. Das ist Ben. So war er schon immer. Gehirn immer auf Sendung. Zack Zack Zack. Das kann unhöflich wirken, wenn man ihn nicht kennt. Ist er aber nicht. Er greift nach meiner Sporttasche und trägt sie für mich. Wär nicht nötig gewesen, aber auch so ist Ben.

Ich beobachte ihn, während er vor mir her, in großen Schritten Richtung Currywurst-Bude läuft. Er hat sich seit unserer Leipzig Zeit kaum verändert. Eigentlich hat er sich seit der Schulzeit kaum verändert. Gut, vielleicht sind auch seine Augenringe deutlicher geworden. Aber das ist der Grund, warum er nicht fragen musste, was bei mir los ist. Er weiß es auch. Irgendwas wird schon sein.

Er trägt jetzt noch die selbe Frisur, Seiten immer auf einen Millimeter kurz rasiert, dasselbe Silberkettchen, seit der 10 Klasse immer einen drei Tage Bart, Adidas Sportjacke, darüber eine offene schwarze Daunenjacke und in der Öffnung gut sichtbar eine kleine Lacoste Umhängetasche. Jeans. Sneaker. Ben ist ein Hustler.

Ende der Leseprobe. Mehr lesen? Schreib Emil.

Collagen © Elena Debachinsky für Bohema
Romandebüt

Mit jedem Schritt ins Dunkle, mit jeder Zigarette, frisst die Wahrheit den Kern der Sterne und wir tanzen weiter wie Motten ums Licht.

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